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Focusing ist eine Art zu denken, zu arbeiten und zu leben. Focusing ist Lebenskunst, die ernst nimmt, dass es eine wertzuschätzende Verbindung zwischen Körper und Geist gibt. Das Konzept wurde von Gene Gendlin (gestorben 2017) im Rahmen seines philosophischen und psychotherapeutischen Nachdenkens und Forschens entwickelt. Focusing beruht auf der Überzeugung, dass unser Körper ein mehr an Wissen hat über das, was wir erleben. Dieses implizite Wissen, welches sich häufig noch nicht in expliziten Worten oder Erkenntnissen zeigt, sondern vielmehr als vage Körperempfindungen, gilt es wertzuschätzen. Mit Focusing zu arbeiten, bedeutet, meine körperliche Resonanz zu einem „etwas“ wahrzunehmen und mich einem Prozess anzuvertrauen, der auf der Grenze zwischen impliziten (intuitiven) Denken und Erleben sowie expliziten (konkreten) Erkenntnissen, Worten, Sätzen sich entwickelt und von allein voranschreitet, wenn es mir gelingt Raum dafür zu schaffen.

focusing_art bedeutet für uns, uns dem Prozess der Werksentstehung mutig hinzugeben, Grenzen in unserem eigenen Denken und Erleben zu überschreiten, uns dem Grenzwertigen auszusetzen und immer einen _  zu lassen. Dieser Raum füllt sich im Laufe des völlig offenen Prozesses mit Kunst!

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Kleidung ist Kommunikation auf nonverbaler Ebene. Über Kleidung drückt sich z. B. die Zugehörigkeit zu einer spezifischen Gruppe aus (Uniformen, Berufskleidung, Fankleidung). Der Talar wurde oft als Kleidungsstück der Reformation und Erkennungszeichen des Protestantismus bezeichnet. Meistens assoziieren Menschen einen schwarzen Talar mit weißem Beffchen als typisches evangelisches gottesdienstliches Gewand! Im Gegensatz dazu werden weiße Albe mit entsprechender Stola häufig eher der katholischen Geistlichkeit zugeordnet.

Liturgische Kleidung gewährt denjenigen, die sie tragen einerseits Macht und Eindeutigkeit der Leitung andererseits Schutz und Sicherheit. Der schwarze Talar lässt Körper und Körperbewegungen des Tragenden eher zurücktreten. In erster Linie werden Gesicht und Hände der Träger*in wahrgenommen, die allem voran eine unterstützende Funktion durch Mimik und Gestik im Verkündigungsgeschehen der Predigt haben. Hellere liturgische Gewänder hingegen gewähren der Leiblichkeit liturgischer Vollzüge eine stärkere Aufmerksamkeit.

„Der Prediger, der auf zwei Beinen auf die Kanzel steigt, trägt in der Regel auch Schuhe, Strümpfe und einiges mehr, und was er trägt, hängt zusammen mit der Kultur, in der er lebt. Und was er sagen wird, hängt wiederum zusammen mit den Kleidern, in denen er steckt; will sagen: mit seiner gesellschaftlichen Existenz.“ (Rudolf Bohren: Dass Gott schön werde. Praktische Theologie als theologische Ästhetik. München 1975, 100.)

talar_art setzt sich der Frage aus, inwieweit es nur um das geht, was die Pfarrer*in sagt oder welche Rolle es spielt, wer sie*er ist bzw. was sie*er darstellt? Schwarzer Talar und weißes Beffchen halten den Menschen sinnenfällig vor Augen, dass hier keine Privatperson steht, die ihre persönliche Meinung kundgibt, sondern es um ein Kommunikationsgeschehen des Evangeliums geht. Der Talar sieht dabei in Bezug auf Material und Schnitt völlig von modischen Einflüssen ab und unterstreicht dadurch die alle Trends überdauernde Botschaft des Evangeliums. Diese Form liturgischer Kleidung löst die Persönlichkeit der Pfarrer*in auf einer ästhetischen Ebene weitgehend auf und betont den Inhalt der Botschaft.

Jede Form der Predigt aber bleibt immer „Produkt des Subjekts“. „Objektiv sein bedeutet, als Subjekt von der Sache getragen sein und als Subjekt die Sache tragen. Es ist ein Irrtum zu meinen, man könne das Subjekt irgendwie in der Predigt ausschalten“ (O. Haendler: Die Bedeutung des Subjekts für die Predigt). Das Subjekt konstituiert sich aus seinem (geboren) Werden und gegenwärtigen Erleben. Dazu trägt maßgeblich auch das eigene Körpererleben bei, welches u. a. Ausdruck findet in Kleidung und Lebensstil oder auch sexueller Orientierung und gegenwärtig gelebter Lebensform.

Wir verstehen Fotografie als light_art – fotografieren ist Zeichnen mit Licht (photos = Licht / graphein = zeichnen). Das Licht ist, wenn es nicht künstlich geschaffen wird, nicht beeinflussbar und öffnet damit eine Dimension des Unverfügbaren. Licht zu studieren, genau wahrzunehmen und passend zu interpretieren macht die Kunst des Fotografierens aus. 

 

Fotografie ist darüber hinaus eine Form nonverbaler Kommunikation. Wir suchen bewusst die Öffentlichkeit und zeigen unsere Bilder anderen und erhoffen eine Rückmeldung darüber, was sie auslösen und was die Anderen darin sehen. Dadurch entsteht eine spezifische Form der Kommunikation zwischen Fotograf und Betrachter*in. talar_art will Menschen inspirieren beim Betrachten der Bilder Fragen nach innen zu richten. Neben der Frage, „was sehe ich auf dem Foto?“, geht es vielmehr um die Frage „wie reagiere ich auf das Bild?“

 

Das Polaroid-Format erwies sich im Prozess als Ausgangsbasis aufgrund seiner Charakteristika in der Aufnahmetechnik und der Ästhetik des Formats: Es ist und bleibt Momentaufnahme ohne Postproduktion, es entzieht sich einer absoluten technischen und gestalterischen Kontrolle durch den Künstler und bleibt unberechenbar und oft uneindeutig. Mit Hilfe der Polaroidtechnik gelingt es die Magie des Moments punktuell zu erfassen. Der Reiz des Einmaligen verschafft dem Werksentstehungsprozess eine besondere Stimmung. Allein die typische Geräuschabfolge von Blitzlicht und Surren des Transportbandes erzeugen eine besondere Spannung während des Akts des Fotografierens.

 

Die Polaroidfotografie erweist sich darüber hinaus als passendes Ausdrucksmedium der gegenwärtigen Sehnsucht von Authentizität, wie sie als Forderung immer auch an Pfarrer*innen herangetragen wird. Pfarrer*innen sollen in all dem, was sie tun, möglichst authentisch und echt sein, sich nicht verstellen und nur bedingt schauspielern. Um den Publikumsradius zu erweitern, haben wir die Polaroids gescannt, dabei aber eine starke Nachbearbeitung vermieden. Das Polaroid ist und bleibt ein Unikat analoger Fototechnik.

Die Form der Kunst, die wir schaffen und leben, versteht sich als process-oriented (auto)biographical art. Die persönliche Begegnung zwischen cameraperson und talarperson ist essentiell für das, was entsteht. Beide geben das genau ihnen Eigene in die Kunstwerke und Projekte mit hinein. Wir zeigen, was man nicht sieht und was trotzdem wirkt und zwar auf die Person, die den Talar trägt und in Bezug auf die Macht des Talars selbst, die meist erkennbar wird in der Reaktion der Menschen auf die Pfarrer*in. Es soll das unsichtbar Wirkende sichtbar werden und für einen Diskurs geöffnet werden.

Wir versuchen die Macht des Talars zu durchbrechen, lassen uns aber auch selbst von der Macht des Talars immer wieder neu brechen. Im Laufe der gemeinsamen Arbeit verändert sich fortlaufend unsere Beziehung zu diesem Kleidungsstück. Wir verändern die Wirkung des Talars und er verändert uns! Wir folgen keinen Regeln bei unserer künstlerischen Arbeit. Im gemeinsamen Nachdenken entwickelt sich ein erster Impuls für die Komposition des Werkes. Davon inspiriert entsteht eine vage konzeptionelle Idee.

talar_art schafft Raum für ein neues gemeinsames Nachdenken über die Bedeutung und Relevanz von liturgischer Kleidung und über die Pfarrer*innen, die diese tragen. Diese spezifische Form liturgischer Kleidung dient der Reduktion des Subjektiven in gewisser Art und Weise bis hin zur Selbstaufgabe. Die sakralen Werte, die durch den Talar vermittelt werden, helfen sich in die Rolle der liturgischen Leiter*in einzufinden und darin ostentativ wahrgenommen zu werden, lösen aber für den liturgischen Moment die Individualität der Person gezielt auf. Provokant könnte man von einer Form der Selbstaufopferung sprechen, die sich darauf einlässt als individuelle Person temporär zu verschwinden. Einzelne Pfarrer*innen wirken dem z. B. durch Brille, Haarstyling, Schuhe, Schmuck, lackierte Fingernägel oder deutlich wahrnehmbaren Lippenstift entgegen.

talar_art will für dieses Erleben Öffentlichkeit schaffen und Menschen darüber ins Gespräch miteinander bringen. Was bewegt Pfarrer*innen, wenn sie Talar tragen? Wie geht es ihnen mit dieser Form von Selbstaufgabe oder empfinden sie dies ganz anders? Was bewegt die Gemeindemitglieder, wenn sie ihre Pfarrer*in im Talar wahrnehmen?

Die Form der Kunst, die wir schaffen und leben, ist vollkommen prozess-orientiert, grenzüberschreitend und in großen Teilen zutiefst (auto)biographisch! Sie nahm ihren Anfang in einer persönlichen Begegnung gewisser Abhängigkeit (Dozentin-Student) und befreit sich kontinuierlich durch die persönliche Beziehung, den Mut und die Offenheit, in einem fließenden Prozess einander zu begegnen und gemeinsam eine besondere Form von Kunst zu schaffen – talar_art.

talar_art  verbindet die Kunst der Fotografie (light_art) mit der nonverbalen Wirkung von Kleidung (dress_art) und einem Werksentstehungsprozess (focusing_art), der sich bewusst auf der Grenze von Implizitem und Explizitem bewegt.

talar_art ist offen _ , offen im Hinblick auf den künstlerischen Gestaltungs- und Entstehungsprozess, offen aber auch in den Wirkungen und Assoziationen, die es evoziert. Und offen hinsichtlich der dynamischen Beziehung von talarperson und cameraperson, deren Entwicklung durch talar_art mitgestaltet wird und talar_art mitgestaltet.

 

talar_art ist art_in_process, die die Grenzen des Talars überschreiten muss und die Person dahinter in und durch den Talar neu in den Fokus der Kamera rückt. Im Wechselspiel stellt sie dabei den Talar, wie das ihn tragende Subjekt in Frage und ästhetisiert die Diskrepanz von dem was ist und dem was sein sollte, Sollen und Sein, und dem was sichtbar wirkt und dem was unsichtbar wirkt. Daher ist talar_art dezidiert process-oriented.

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process-oriented autobiographical art in it's emergence

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